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Eine globale Streikwelle. Frauen und Feminismus auf dem Weg zum 8. März

ni-una-menosby PRECARIOUS DIʃCONNECTIONS

Am 8. März wird ein Streik von Frauen stattfinden und zwar weltweit. Die Idee ist von den Frauen in Polen inspiriert, wurde von den Frauen in Argentinien eingesetzt und unterstützt von hundert tausenden Frauen auf der ganzen Welt, die am Tag gegen Gewalt gegen Frauen überall auf die Straße gingen. Nach der riesigen Demo in Rom am 26. November 2016 wurde die Idee auf einer großen Versammlung mit großer Begeisterung aufgenommen. Der Streik am 8. März bietet die Chance, mit der Kraft eines weltweiten Aufbegehrens die soziale Ordnung anzugreifen, die die Unterdrückung der Frau nutzt, ausbeuterische und beherrschende Verhältnisse immer weiter zu reproduzieren. Wir müssen die nächsten Monate nutzen, die Wut und Entschlossenheit, die Frauen in allen Winkeln der Erde auf die Straßen tragen, am 8. März zu einem Moment globaler und massiver Störung zu machen. Nun ist es also an der Zeit sich zu fragen: Was heißt Streik von Frauen und wie kann ein Streik eine feministische politische Praxis sein? Wie kann eine solche Praxis einen Weg aufzeigen hin zu einem Kampf, der die Wurzeln der weltweit geltenden Gesellschaftsordnung angreift?

Dieser Streik wird etwas Neues sein, ein Experiment. Wir haben kein fertiges Modell, dem wir folgen können, sondern nur einige Richtungen, die wir ergreifen und verstärken wollen. Als die Frauen in Polen gegen den Rechtsentwurf gegen das Abtreibungsrecht streikten, war dies eine Antwort auf die Einschränkung ihrer Freiheit, indem sie den Befehl verweigerten, der sie einzig in ihrer Rolle als Mütter anerkennt. Diese eizigartige Leistung über den notwendigen Kampf gegen das Abtreibungsgesetz hinaus, ist es, die uns anregt und die anderen Furcht einflöst. Als die Frauen von Rosario wegen des Mordes an einem Mädchen in Argentinien auf die Straße gingen, forderten sie das herrschende System heraus, das Vergewaltigung als Mittel der Massenunterdrückung einsetzt. Sie wiesen aber auch die Rolle zurück, die ihnen von der herrschenden Ordnung zur Schaffung von Wohlstand und sozialer Reproduktion zugewiesen wird. Gegenüber der herrschenden Zuspitzung, weibliche Differenz in Wert zu setzen und dabei gleichzeitig ihre Gemeinsamheiten festzuschreiben gegenüber einer neoliberalen Ordnung, die ihre Freiheit nur dann fördert, wenn sie kompatibel ist mit Unterordnung und wenn sie der Ausbeutung dient – dem gegenüber haben Frauen in Polen und Argentinien eine starke und neue Präsenz eingenommen. Indem sie den Streik als Instrument gewählt haben, fordern sie die Herrschaft heraus, die die vollständige Verfügbarkeit über ihre Körper, über ihre Zeit und über ihr Leben erlangen will. Dies wird auf brutalste Weise formuliert: Die patriarchale Unterdrückung der Frau enthüllt das Geheimnis der aktuellen neoliberalen Ordnung, aber auch seine mögliche Überwindung. Genau deshalb kann der Frauenstreik eine globale Kraft sein. Denn das ist die Überraschung am Frauenstreik: ein globales Subjekt, das nicht universell oder homogen sein will, sondern das – je nach den spezifischen Bedingungen – den Weg ebnet für einen umfassenden Protest gegen Beherrschung und Ausbeutung, was viele Subjekte betrifft.

 Mit Frauen als Protagonistinnen kann der Streik am 8. März die patriarchale Maschinerie der aktuellen Produktionsweise und der sozialen Reproduktion unterbrechen. Fakt ist, dass das neoliberale Credo der allzeit verfügbaren, historisch typischen Hausarbeit und Carework inzwischen jeglicher Arbeit innewohnt. Gleichzeitig zwingt er Millionen von Frauen dazu, in der Reproduktion eine besondere Rolle einzunehmen. Der Privathaushalt ist zum Marktplatz geworden, in dem die weibliche Reproduktionsarbeit oft weniger vom Ehemann oder dem Onkel oder Bruder, als vielmehr vom Geld bestimmt wird. Der private Haushalt ist transnational der Ort, für den das Grenzregime billige Arbeitskraft schafft – Dienerinnen und Care-Arbeiterinnen für ein durch und durch kapitalisiertes Sozialwesen. Der Haushalt ist außerdem Produktionsort für Computerkomponenten, Bekleidungsindustrie oder Kleinmechanik, von weiblicher Arbeitskraft hergestellt: Teil der globalen Produktionsketten, aber hergestellt in Heimarbeit. Auch an anderen Produktionsorten wird das weibliche Geschlecht direkt in Wert gesetzt. Und für eine eventuelle Mutterschaft – selbst wenn kein Kinderwunsch existiert – wird jede Frau auf dem Arbeitsmarkt mit geringerem Gehalt bestraft. Der soziale Zwang zur Reproduktion rechtfertigt eine besondere Form der Prekarisierung, die keinen Ausgleich in Form sozialer Rechte vorsieht. Das «Soziale», zu dem Frauen mit der Reproduktion gezwungen werden, wird zum Raum einer erzwungenen Freiheit. Dies ist kein Ort einer pazifistischen Emanzipation, die auf einem Miteinander basiert, auf Fürsorge und Beziehungen, sondern es ist ein Ort von Hierarchien, Unterdrückung und Gewalt. Solang die herrschende Ordnung eine patriarchale ist, in der die Unterordnung der Frau die Grundbedingung der Reproduktion darstellt, solange betrifft der Women’s Strike all diejenigen, die sich von Ausbeutung und Unterdrückung befreien wollen. Die Ablehnung, Teil dieser Reproduktion zu sein, und der Wunsch, die Funktionen, die der neoliberalen Herrschaft innewohnen abzuschaffen und seine Gewalt zu zerstören, ist daher ein Akt von globaler Bedeutung.

Der Women’s Strike ist kein “weibliches Thema” und darf sich nicht damit begnügen, Benachteiligungen zu verringern. Der 8. März eröffnet vielmehr die Chance, den Streik in alle Bereiche zu tragen – auf öffentliche Plätze und in alle Haushalte. Er will dem metropolitanen Raum die Stirn bieten, der beherrscht ist von all den Strategien, Frauenarbeit mit der Zerstörung des Sozialwesens zu belasten, und so die ihre Arbeit immer prekärer werden lässt und sie zugleich in Wert setzt in einer ebenso prekären Arbeitskraft. Der Streik am 8. März kann eine Kommunikation unter Frauen entlang der transnationalen Ketten von Care-Work schaffen, in dem Wissen, das es nicht ausreicht, wenn sich einige Frauen teilweise von Hausarbeit befreien, da dies auf Kosten anderer Frauen geht, die dafür bezahlt werden. Die Herausforderung für uns ist, eine politische Verbindung zu schaffen und die Frage nach einer transnationalen Organisierung zu stellen und dabei der Aufteilung der Arbeit nach Geschlecht eine Absage zu erteilen. Wenn der 8. März die Unterdrückung der Frau radikal angreifen will, muss er ein Raum für die Kämpfe migrantischer Frauen sein, die der beste und kraftvollste Beweis dafür sind, dass Frauen global Subjekte sind, die mit ihren Kämpfen das Patriarchat in ihren Herkunftsländern abschütteln, ihm auf der Flucht sowie in ihren Ankunftsorten entkommen wollen. Am 8. März darf der Women’s Strike sich nicht auf die Forderung nach Lohngleichstellung beschränken, sondern muss die brutale Inwertsetzung der gesamten Existenz in Frage stellen, von der Millionen von Frauen und Männern betroffen sind. Am 8. März haben Frauen die Gelegenheit, sich gegen Ausbeutung aufzulehnen, denn sie macht das Leben erbärmlich und hoffnungslos. Das gilt auch für Männer: sie können ihre Ablehnung ausdrücken als Agenten brutaler Gewalt an Frauenkörpern und dumpfer Gewalt von Geld und Unterwerfung. Der Women’s Strike ist in der Lage, einen Bruch herzustellen, indem er unterschiedliche Erfahrungen und Bedingungen verbindet. Aus einer spezifischen Position heraus lehnt er die herrschende Ordnung ab, die sich in Gewalt am sichtbarsten ausdrückt und aufhört, die «Freiheit» der Unterwerfung als den einzigen Horizont von Befreiung versteht.

Viele Frauen werden am Streik am 8. März teilnehmen, viele Männer werden ihrem Aufruf folgen, da die Autonomie, die Frauen täglich und überall verteidigen müssen, ein lebenswichtiges Stück auch ihrer Freiheit ist. Die Arbeitsgruppen, die sich am 27. November in Rom wiedergetroffen haben, sprachen sich für den Europäischen Mindestlohn, das bedingungslose Grundeinkommen und eine Aufenthaltserlaubnis als Mindestforderungen aus, um Autonomie zu erreichen. Frauen können diese Maßnahmen helfen, der Abhängigkeit gewalttätiger Männer zu entkommen, und außerdem der alltäglichen Gewalt von Prekariät und Grenzregime zu entkommen. Diese Forderungen sind Teil eines Plans gegen Gewalt, den die Frauen in Rom begonnen haben zu diskutieren. Aber sie können über das Projekt einer institutionalisierten Intervention hinausgehen und eine Parole werden gegenüber der konstanten Anhäufung von Macht.

Die Herausforderung, die wir vor dem 8. März vor uns haben, ist, sich auf zwei Ebenen gleichzeitig zu bewegen. Wir müssen lokale Orte schaffen, um dort zu experimentieren und unsere so unterschiedlichen Arten des “Nein” gegen die vielfältigen Gesichter von Gewalt gegen Frauen zu forcieren. Gleichzeitig müssen wir die transnationale Vernetzung mit all denen vorantreiben, die in Europa und weltweit den Women’s Strike aufbauen wollen. Auf diese Weise kann die Bewegung des 8. März dem Projekt des Transnationalen Sozialen Streiks Ausdruck geben. Frauen wissen, dass das “Soziale” ein Feld von Kampf und Konflikt ist, das keine sofortigen Alternativen anbieten kann. Ihr Streik kann die Grenzen des sozialen Streiks neu definieren; nicht nur, weil dieser von den Arbeitsplätzen ausgeht, sondern auch, weil er darauf zielt, Hierarchien und Unterdrückung anzugreifen, auf denen die herrschende Gesellschaftsordnung basiert. Der Women’s Strike ist transnational, weil das Subjekt, das ihn erschafft, global ist und weil es die Verbindungen von Frauen entlang der transnationalen Ketten von Care-work verbessern und eine Macht gegen Ausbeutung erschaffen will. Aus all diesen Gründen soll der Women’s Strike eine Praxis feministischer Politik werden: Er bietet die Gelegenheit, den Neoliberalismus anzugreifen, indem er die patriarchalen Knotenpunkte attackiert, bietet Frauen die Möglichkeit, deutlich zu werden und politisch die spezifischen Bedingungen, die sie tagtäglich erfahren, zu überwinden. Er gibt migrantischen Arbeiter*innen, solchen in der Industrie und all denen, die auch von Ausbeutung betroffen werden, ob am Arbeitsplatz oder außerhalb die Gelegenheit, kraftvoll “Nein” zu sagen. Dies kann das Anliegen feministischer Politik werden, eine Politik ohne Label, ohne Adjektive oder Vorsilben, eine Politik, die jetzt die globale Revolte von Frauen ermöglicht, sie verbreitet und sich radikalisiert.